Die Sucht nach Depression
Ein Gastbeitrag.
Ich bin depressiv und ich weiß, warum. Dazu muss ich euch meine Geschichte erzählen. Alles begann damit, dass ich eines Tages merkte, dass ich anders bin als die anderen. Während diese sich für basteln und Pferde interessierten hatte ich damit nichts am Hut. Beim Übertritt ans Gymnasium wurden diese Unterschiede schließlich sehr schnell so klar, dass ich mir bald angewöhnte, mein Pausenbrot auf der Toilette zu essen. Ich hatte niemanden und niemand hatte mich. Oder wollte mich haben. Ich fühlte mich zuhause eigentlich auch die meiste Zeit wohl, bis mein erstes Zwischenzeugnis kam. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich mir Tag um Tag immer sicherer, dass meine Eltern mich hassen mussten. Ich versuchte mich in verschiedenen Arbeitsgruppen und fand schließlich eine, in der ich mich verwirklichen konnte: Die Theater-AG. Nachdem ich dort gelernt hatte mehr aus mir heraus zu gehen funktionierte es auch besser mit den Freundschaften. SChließlich musste ich jedoch das Gymnasium wechseln und fing in einer Klasse an, die mir völlig unbekannt war. Vor dem ersten Tag hatte ich eine solche Angst, dass sich in den ganzen Sommerferien Schlafstörungen einstellten. Diese sind mir bis heute erhalten geblieben – und da sag nochmal einer, man könne sich nichts von der Kindheit erhalten. Im Laufe der Jahre gewann ich immer mehr Freunde und fühlte mich trotzdem immer einsamer.
Also beschloss ich, ins Internet zu gehen. Es ist schrecklich jemanden kennenzulernen, der hunderte von Kilometer entfernt wohnt und man noch zu jung ist um überhaupt über eine Zugfahrt alleine nachzudenken. Es ist grausam gezeigt zu bekommen, wie groß und weit die Welt sein kann und wie wenig man davon für sich selbst gewonnen hat und wie wenig man in Aussicht hat noch gewinnen zu können. Die Person die ich kennenlernte beeindruckte mich nachhaltig. Sie liebte, wen sie wollte. Heute weiß ich, dass sie dadurch nur vor denen weglief, die SIE wirklich liebten. Sie trank Alkohol, bis sie alles vergaß. Heute weiß ich, dass man so seine Sorgen nur kurzzeitig zum schweigen bringt. Sie hat mich sogar noch beeindruckt wenn ich bei ihr angerufen habe und ihre Mutter ihr das Telefon bringen wollte und ich sie nur schreien hörte. Vor Verzweiflung. Durch die Wand. Sie erzählte mir wie es ist, sich selbst zu verletzen. Sie sagte, dass es ihre Sache sei und sie sich ja nicht umbringen wollen würde, sie wolle nur etwas spüren. Am nächsten Tag lief ich in eine Drogerie und kaufte mir Rasierklingen. Beim auspacken der Klingen schnitt ich mich am Finger und beschloss, dass es für diesen Tag genug Schmerz gewesen sei. Monatelang blieben die Klingen unberührt, ich dafür nicht. Und ich begann immer öfter, nachts einfach zu weinen. Weil die Welt so groß war und ich so verdammt klein und weil ich nichts konnte und weil ich verzweifelt war. Ich weiß nicht, wieso es so war. Und das ist die schlimmste aller Formen der Verzweiflung.
Eines nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich fühlte mich stumpf und hohl und nichts konnte die Leere in mir füllen. Sie war da, einfach so. Ich schwöre, dass ich nur ganz leicht und kurz mit der Klinge über meinen Arm strich. Die Narbe sieht man heute, acht Jahre später, immernoch. Später wurde ich cleverer, macht viele kleine Schnitte und weinte, weil sie so brannten. Als ich entdeckt wurde begann ich, mich kreativer zu verletzen. Ich bohrte mir meine Nägel so tief ins Fleisch, bis ich blutete und große, blaue Flecke entstanden. Ich schlug mit der Faust gegen Wände, mit dem Kopf gegen Bäume, ich sprang von Stühlen und ließ mich einfach fallen. Ab und an brach ich mir etwas, nichts schlimmes. Der Schmerz konnte nicht genug sein, ähnlich wie bei einem Alkoholiker versuchte ich meinen Pegel aufrecht zu erhalten.
Bis ich den emotionalen Schmerz entdeckte.
Und mir wehtun ließ.
Ich versuchte Leute mich lieben zu machen und verließ sie dann, die besten Menschen der Welt verließ ich einfach so und ließ sie zurück, sie waren für mich nur noch Wegwerfartikel.
Ich begann mich selbst so zu gestalten, wie ich die Welt um mich herum wahrnahm: Schwarz.
Eine Zeit lang ging das gut, dann nicht mehr. Als es eskalierte hatte ich ein Küchenmesser in der Hand und plötzlich steckte es in meinem Bein. Bis heute weiß keiner in meiner Familie etwas davon und hätte ich die Aorta getroffen würde ich jetzt nicht mehr schreiben können. Tat ich aber nicht.
Daraufhin musste ich zu einem Psychologen, den ich nach erfolgreicher Therapie nie wieder sah. Nur das ich ihn therapiert hatte und dann einfach eines Tages nicht mehr hingegangen bin. Tatsächlich normalisierte sich die Lage und als eine Ausbilung anfing, war ich fast wieder ganz normal. Dass ich Borderline haben sollte, wie der Psychologe sagte, und das niemals vollständig verschwinden würde interessierte mich nicht. Ich brauchte kein Label für meine Psyche, schließlich war ich ja wieder geheilt.
Viele sagten, es sei eine Phase gewesen die jeder durchmacht.
Leider packte mich mit 21 die Lust, nicht mehr in die Arbeit zu gehen. Einige Monate verließ ich morgens das Haus und kam abends wieder zurück und wusste nicht mehr, wo ich dieses Mal meine Zeit vertrödelt hatte.
Es ist ein sehr befreiendes Gefühl heute hier zu schreiben, an einem fremden Ort und ohne das jemand von euch meinen Namen kennt und mit erhobenem Finger auf mich zukommen kann und mir Vorwürfe machen kann weil man psychische Störungen momentan trägt wie ein Täschchen – wie ein Accesoire.
Es geht mir mal besser, mal schlechter. Aber ich bin süchtig, nach wie vor. Süchtig nach dem Schmerz. Und ich warte mit angehaltenem Atem auf meinen nächsten Aussetzer.
Es ist schon ein bisschen spannend.